Interviews
Der Jesus aus den Vororten
Der Jesus aus den Vororten
Daheim in den USA ist Robert James Ritchie schon lange ein echter Garant für Riesenhits, dank seiner medial spannenden Mischung aus erdverbundenem Nerd, aufrechtem Musiker und Star-tauglicher Attitüde, mit der er immer wieder gekonnt die Celebrity-Gazetten für sich begeistert. In Deutschland schien man ihm seinen ur-amerikanischen Habitus lange übel zu nehmen. Doch mit seinem Hit „All Summer Long“ hat Kid Rock nun den Boden geschaffen für eine erfolgreiche Karriere auch im Alten Kontinent. Seine anstehende Deutschland-Tour im Dezember dürfte diesen Erfolg weiter manifestieren.
Kid Rock ist ein Phänomen. Der ‚Early Morning Stoned Pimp’, der als Schlägerei-erprobtes Rapper-Weißbrot der Detroiter Vororte begann, zählt heute zu den coolsten und eigensinnigsten Musikern der amerikanischen Rockszene. Verantwortlich dafür sind zwei Talente: Seine enorme Bodenhaftung, geboren aus seiner Liebe zum Proletariat. Sowie seine Fähigkeit, „zeitlos gute, unmittelbar reinlaufende Songs zu schreiben, mit der Eigenschaft, bald zu jungen Klassikern amerikanischer Rockmusik zu werden“, wie er selber sagt.
Manchmal kann er es selber kaum fassen, was ihm da widerfährt, wie er ganz uneitel zugibt: „Meine Karriere war ein Höllenritt. Wie eine Achterbahn, die sich aber zum Glück nur selten ins Tal gestürzt hat. Seit vielen Jahren habe ich den Eindruck, mich in einer Multiball-Bonusrunde des Lebens zu befinden. Ich werde besser als Sänger und Songwriter, ich verdiene mehr Geld, als ich ausgeben kann, ich erreiche immer mehr Menschen mit meiner Musik. Ich fühle mich mit dem, was ich heute mache, in meiner Haut wohler denn je. Es fühlt sich an, als ob ich die neue Platte immer wieder aufs Neue aufnehmen könnte, weil ich damit endlich in meinem Heimathafen angekommen bin.“
So spricht ein betont aufgeräumter Kid Rock über sein aktuelles Album „Rock N Roll Jesus“. Seit seinem Übererfolg „Devil Without a Cause“ – das mit über elf Millionen verkauften Einheiten erfolgreichste HipHop-Album aller Zeiten – lebt dieser schmächtige, lustige Kerl ein Leben auf der Überholspur. In seinem Heimatland USA drehen die Menschen reihenweise durch, sobald sein Name fällt. Unvergessen beispielsweise die Szene auf einem Aerosmith-Konzert im Jahre 2000, auf dem das Kid zu „Walk This Way“ als Gast auf die Bühne kam, sein T-Shirt lupfte und sein damals brandneues, flächendeckendes Rücken-Tattoo präsentierte, welches mit minutenlangen stehenden Ovationen befeiert wurde. Dabei hatte er noch keinen Ton gesagt.
Diese Aufregung ist durchaus berechtigt. Denn den Klatschspalten-tauglichen Geschichten um seine Kurzehe mit Monsterbusen Pamela Anderson oder öffentlichen Prügeleien konträr gegenüber steht sein aufrichtiges Bedürfnis nach guter, zeitloser Rockmusik. „Seien wir ehrlich“, so Rock: „Es gibt heutzutage nur noch verdammt wenige handwerklich hervorragend komponierte Songs. Erst recht solche, die auch vom Künstler selber stammen. Natürlich gibt es hinter der amerikanischen Folk-, Country- und Rock-Szene eine funktionierende Industrie-Maschinerie, wo Ghost-Songwriter für sexy Performer einen Hit nach dem anderen schreiben. All diese ‚I love you’- und ‚I’m sexy’-Liedchen mit netter Melodie und Top-Produktion, aber ohne jede Form von Tiefgang, Persönlichkeit und Aufrichtigkeit. Und daraus ziehe ich mir mein Selbstbewusstsein: Aus dem Wissen, dass ich noch zur alten Garde gehöre, die stolz darauf ist, alles selber zu machen, es mit jedem Ton ernst zu meinen – und von Platte zu Platte ein bisschen besser, sprich: traditioneller und damit zeitloser zu werden.“
Überhaupt, so Ritchie, schließe sich mit dem neuen Album ein Kreis seiner künstlerischen Laufbahn – „vom ‚Devil Without A Cause’ hin zum ‚Rock’n’Roll Jesus’. Wo ich früher der Wurmfortsatz des Rock war, bin ich jetzt sein Heilsbringer. Ich fühle mich eben wie ein vom Schicksal Begünstigter, also ein bisschen wie Jesus.“ Wenn er sich schon so fühlt - wer sind dann seine kreativen Eltern Maria und Joseph? Das Kid schmunzelt, was er immer tut, wenn er eine Frage mag. Dann zieht er an seiner Zigarre, denkt ein wenig nach und sagt sehr treffend: „Stevie Nicks hat mal gesagt, dass ich ihr Rock’n’Roll-Sohn sei, den sie niemals hatte. Damit ist die Maria gesetzt. Und als Dad hätte ich gern Chuck Berry. Wahnsinn, die beiden gäben mal ein echt cooles Pärchen ab.“
Wo wir schon nach den Sternen greifen – und da es der Titel des Albums förmlich nahe legt: Ist Robert James Ritchie nun unter die Gläubigen gegangen? Ein braver Kirchgänger, der andere mit Liebe und Glaube bekehren möchte? „Eher umgekehrt: Der Titel brachte mich auf die Idee, ruhig mal einen Blick in die Bibel zu werfen. Jetzt nehme ich sie mir immer mal wieder zur Hand und lese ein paar Seiten. Und ich muss sagen: Man findet darin erstaunlich universelle Antworten.“ Zum Beispiel? „Schlag nur mal die erste Seite der Genesis auf und lies das Folgende deiner Freundin vor, wenn sie sich wieder mal weigert, dir ein Abendessen zu kochen: ‚Und Gott schuf die Frau, damit der Mann einen Helfer habe.’ Danach wirst du zwar mindestens eine Woche lang keine Pussy sehen, aber immerhin bist du im Recht. Und zwar biblisch!“ Und dann lacht er sein aufrichtiges, herzliches Lachen, das man auf sicher 80 Prozent aller Fotos sieht, die von ihm geschossen werden.
Nun fällt es erst mal nicht ganz leicht, in diesem Sexbomben-Vernascher, Draufgängerspezialisten und musikalischen Wendehals zwischen HipHop, Hard Rock und Country, einen ernsthaften Traditionalisten zu erkennen. Und doch: Bei genauerer Betrachtung sind es gerade diese Werte, die ihn zu dieser facettenreichen Lichtgestalt machen, die zwischen Dosenshooten mit Kumpels, nächtelangen Aufnahmesessions mit seiner virtuosen Twisted Brown Tucker Band und dem versierten Tanzen auf den roten Teppichen keinen Unterschied macht. „Ich halte Werte hoch, die immer mehr verschwinden; Dinge wie Familie, Treue, Verantwortung, dieser ganze gute Hillbilly-Scheiß. Mein bester Freund ist mein Manager, der meine ältere Schwester geheiratet hat, die wiederum meinen Bürokram erledigt. Seine Mutter ist die Nanny meines Sohnes, und dessen Großeltern mütterlicherseits halten mein Haus in Schuss. Ich habe mir damit ein verlässliches System der Unterstützung geschaffen, und gleichzeitig sorge ich dafür, dass es allen richtig gut geht. Das sind sinnvolle Traditionen, mit denen allen geholfen ist – weshalb ich es auch nicht einsehe, warum sie heutzutage aus der Mode sind.“
Etwas aus der Mode schien in hiesigen Regionen, auch sein starker musikalischer Bezug zu den traditionellen amerikanischen Rockwerten. Einher gehend mit der kollektiven Ablehnung der Bush-Politik, waren uramerikanische Werte offenbar außerhalb der Heimat für eine Weile schwer verkäuflich. Das ändert sich nun: Sein aktuelles Album „Rock N Roll Jesus“ stieg bereits Ende 2007 in die deutschen Charts ein und hielt sich dort über zahllose Wochen. Noch erfolgreicher war die Single „All Summer Long“, deren Titel fast zu einer Self-fulfilling Prophecy wurde: Wochenlang – sprich: fast den gesamten Sommer lang – belegte dieser Song Platz eins der deutschen Hitparaden und avancierte so zu dem Sommerhit des Jahres. „All Summer Long“ ist wieder ein Musterbeispiel für sogenannten Bastard-Pop. Soll heißen: Aus zwei alten wird ein neuer Song. Zum einen hat sich Kid Rock beim Intro von „Werewolves Of London“ bedient, das war im Sommer 1978 der einzige Hit für den Amerikaner Warren Zevon.
Der zweite, wesentlich markantere Song ist „Sweet Home Alabama“ von Lynyrd Skynyrd – erklärte Helden von Robert James Ritchie. Was nur zeigt: Altes kann, neu interpretiert, noch immer jede Generation von Rockhörern hinter dem Ofen hervor locken.
Zumal er diese alten Werte eben neu, modern und mitreißend direkt interpretiert. Er könne nicht anders, sagte er unlängst der britischen Tageszeitung ‚The Sun’: „Ich habe seit Jahren nicht mehr durchgeschlafen. Mein Hirn hört nie auf zu arbeiten. Also habe ich einen Notizblock neben dem Bett und überall im Haus Aufnahmegeräte. Ich hatte die Idee zu ‘All Summer Long’ früh am Morgen und es wurde ein riesiger Erfolg.”